POTPURI – Interkulturelle Impressionen aus Turku

Nach einer kleinen Pause gibt es wieder einen POTPURI – Blogbeitrag von Birgit Griese-Saarinen aus Turku. Diesmal geht es um die kleinen fleißigen Helfer auf den Straßen vieler finnischer Städte:

Intelligente E-Lieferboten mit sechs Rädern und Sympathiefaktor

–  Blogbeitrag von Birgit Griese-Saarinen

Was ist klein, weiβ und wendig und sorgt für verdutzte Hundeblicke? Oder anders gefragt: Was erinnert an einen Reisekoffer auf Rädern und ist mittlerweile eines der beliebtesten Fotomotive bei ausländischen Touristen?

Die Rede ist von Lieferrobotern der Marke “Starship”, die bereits seit einiger Zeit das Stadtbild u. a. in Turku, Tampere, Helsinki und Naantali bereichern. Neben Kinderwagen und Fahrrädern sind sie häufig in der Nähe von Geschäften geparkt und warten dort auf ihren Einsatz.

Vorbildfunktion und Sympathiefaktor

Dieser erfolgt mit technologischer Raffinesse, denn an Bord gibt es GPS und Kameras für die Navigation sowie KI zwecks Hinderniserkennung.

Neben E-Rollern prägen mittlerweile auch die E-Lieferroboter das finnische Stadtbild.

Dank der Sensoren weichen sie somit sowohl Fahrzeugen als auch Menschen und Tieren aus und verhalten sich geradezu vorbildhaft, wenn sie im Schritttempo von 6km/h unterwegs sind und brav an Ampeln und Zebrastreifen warten. Ich muss zugeben, dass sie mich jedes Mal zum Lächeln bringen, wenn sie z.B. bei der Straßenüberquerung neben mir auftauchen.

Gewöhnungsfaktor Fehlanzeige. Es heißt ja auch, dass die Roboter mit Absicht “menschlich” und Sympathie erweckend gestaltet wurden.

Tatsächlich leuchten kleine “Augen” auf der Vorderseite und das freundliche Aussehen der “Sechsroller” mit oranger Fahne an der Seite ist sicherlich auch der Grund dafür, dass sie kaum von Vandalismus betroffen sind.

Ein wenig wirken sie wie Haustiere auf Rädern mit futuristischem Touch – des Öfteren kann man sogar beobachten, dass Kinder ein kleines “Schwätzchen” mit ihnen halten.

Wie schön, dass also Nutzen und psychologische Wirkung Hand in Hand gehen: denn neben erfolgreichen Lieferdiensten und guter Laune fördern die kleinen Helfer auch die Hilfsbereitschaft.

Winterliche Hilfsaktionen

Im Gegensatz zu ihren “Artgenossen”, den E-Rollern, sind die E-Roboter nämlich auch während verschneiter Winter in Aktion. Doch auch wenn sie allgemein trotz ihrer kleinen Maβe von 68 x 57 x 57 cm recht stabil und alltagstauglich sind, stellt der finnische Winter mit Schnee und Eis für sie so manches Mal eine Challenge dar.

Zurzeit kann man daher des Öfteren beobachten, wie festgefahrene E-Boten von hilfsbereiten Passanten umsichtig aus Schneehaufen befreit und neu ausgerichtet werden. Da die mobilen Roboter max. 35 kg wiegen, gestaltet sich das Anheben oder Schieben der Shopping-Mobile recht problemlos.

Erfolgreiches estnisch-dänisches Erfinderduo

Ahti Heinla aus Estland und Janus Friis aus Dänemark haben “Starship Technologies” 2024 gegründet, nachdem beide bei Skype sehr erfolgreich waren. Ein Fun-Fact ist, dass Heinlas Mutter dem erst Zehnjährigen das Programmieren beibrachte und zeitlebens davon überzeugt war, dass dieses Genre Frauensache sei.

Die Lieferroboter bestellt man über eine App oder die entsprechende Online-Bestellseite. In der App ist ersichtlich, ob Roboter in der entsprechenden Gegend verfügbar sind. Der Wirkungsradius ist auf ca. 6 km beschränkt und die Batteriekapazität für Hin- und Rückfahrten reicht – abhängig von Terrain und Wetter – für ca. 6 Stunden.

Der Roboter fährt selbstständig vom Geschäft zum Kunden, kann jederzeit geortet werden und meldet seine Ankunft per Handy-Benachrichtigung. Auch das Erklingen einer Kurzmelodie bei der Entnahme der in meist zwei Einkaufstaschen verpackten Ware von max. 10 kg Gewicht trägt zu einem stimmigen Einkaufserlebnis bei.

Finnlands Technologie-Affinität sicherte eine frühe Pilotphase

Finnland war eines der ersten Länder auβerhalb Estlands, in dem die Roboter auf öffentlichen Straßen zum Einsatz kamen. Gut gepflegte Geh- bzw. Radwege sowie die Innovationsbereitschaft und Technologieaffinität der Finnen stellten gute Voraussetzungen für den lokalen Einsatz dar. In der Anwendung künstlicher Intelligenz (KI) und im EU-Digitalisierungsindex liegt “Suomi” nämlich recht weit vorne.

Nachdem bereits 2016 erste Tests in Estland stattgefunden hatten, begann somit im April 2022 die erste Pilotphase von “Starship” in Espoo. Mit der Auslieferung von Lebensmitteln durch Roboterdienste der S-Group (Alepa/Sale) in Helsinki und Umgebung folgte der offizielle Start für Kundendienste im Mai 2023. Seitdem sind die emissionsfreien Roboter in immer mehr finnischen Orten unterwegs.

Alkohol und Tabak sind übrigens nicht im Bestellsortiment dieses innovativen Lieferdienstes enthalten, so dass man für diese Güter immer noch traditionell den Weg ins Geschäft auf sich nehmen muss. Als nützliche und zeitsparende Helfer und umweltfreundliche Sympathieträger sind sie dennoch nicht mehr wegzudenken – über 1 mio. Bestellungen in Finnland sprechen für sich.

Text und Fotos: Birgit Griese-Saarinen