Finnlands Nationalparks – Lemmenjoki
Das Tal des namensgebenden Flusses Lemmenjoki führt durch den größten Nationalpark Finnlands mit altem Baumbestand und reichhaltigem Kulturerbe direkt ins Land der Samen.
Der 1956 gegründete Nationalpark Lemmenjoki bietet mit 2858 km² Fläche und den benachbarten Urho-Kekkonen Nationalpark sowie den Wildnisregionen Hammastunturi, Pulju und Pöyrisjärvi die größte zusammenhängende Wildnis Europas. Den Nationalpark kann man durch ausgeschilderte Tagestouren erkunden, für erfahrene Wanderer gibt es jedoch auch genügend Raum für längere Touren jenseits der üblichen, oft viel besuchten Routen. Für die Bewohner der Region ist es jedoch keine Wildnis, sondern das Zuhause und der Arbeitsplatz.
Großartige Natur
Das Flusstal wird im Norden durch mächtige Bergrücken, die sich bis über die Baumgrenze erheben, sowie Urwälder umsäumt. Weiter im Süden findet man hingegen moosbewachsene Fichtenwälder und Moore, die teilweise noch mit Wasser bedeckt sind (aapasuo). In den Tälern des Lemmenjoki-Flusses wandert man unter uralten Kiefern und unter mächtigen, sogenannten Aihki-Kiefern. Das sind alte Kiefern, die nicht mehr in die Höhe wachsen, sondern weiter unten sich schlängelnde, dicke Äste bilden. Sie können auch bereits abgestorben, aber dennoch fest verankert sein. In dem Zustand nennt man sie auf Finnisch kelohonka. Die großen Nadelwaldbestände im Lemmenjoki-Nationalpark sind bis heute in ihrem Urzustand erhalten geblieben und werden nicht bewirtschaftet.
Arktische Tierwelt
Der Vielfraß (ahma) ist das tierische Wahrzeichen des Lemmenjoki Nationalparks. Er gehört zu den seltensten Raubtieren Europas, ist aber im Lemmenjoki Nationalpark ein regelmäßig anzutreffendes arktisches Raubtier aus der Familie der Marder. Der Vielfraß ist der größte aller Marder – sein Gebiss ist so kräftig, dass er auch größere Tiere, selbst Rentiere, überwältigt.
Traditionell galt der Vielfraß als ein brutales Raubtier, das Beutetiere über den eigentlichen Nahrungsbedarf hinaus tötet. Darauf weist auch sein finnischer Name ahma, der aus dem Wort ahmatti, der Gefräßige, hergeleitet ist, genauso wie sein deutscher Name. Dieses Image ist jedoch stark übertrieben. Marder können zwar mehrere Tiere auf einmal töten und sie dann als Reserve verstecken. Aber als ein Bewohner der arktischen Region ist er gezwungen, seinen Energiehaushalt zu optimieren und ist in erster Linie ein Aasfresser.
Der Vielfraß hat sich perfekt an seinen arktischen Lebensraum angepasst. Er hat ein dickes Fell und große Pfoten, die verhindern, dass er im Schnee versinkt. Im Winter wächst an den Pfoten noch mehr Fell, das die Fortbewegung im Schnee zusätzlich erleichtert.
Vogelparadies
Die großen Moorflächen des Nationalparks bieten auch für Vogelliebhaber interessante Begegnungen und ein Paradies für die Vögel. Der Dunkelwasserläufer (mustaviklo, Tringa erythropus), Grünschenkel (valkoviklo, Tringa nebularia) und Regenbrachvogel (pikkukuovi, Numenius phaeopus) sind Vogelarten, für deren Beobachtung und Arterhaltung Finnland lt. der EU Vogelschutz- und Habitatrichtlinie eine besondere Verantwortung trägt. Der Lemmenjoki Nationalpark ist eines der bedeutendsten Nistgebiete dieser Vogelarten.
Rentierzucht
Als traditionelles Gewerbe in Lappland hat die Rentierzucht im Lemmenjoki Nationalpark einen hohen Stellenwert und findet dort die besten Voraussetzungen. Ein Großteil der indigenen Einwohner im Nationalpark lebt noch heute von der Rentierzucht und weiteren naturbezogenen Tätigkeiten. Wer sich im Nationalpark bewegt, sieht Strukturen und Gebäude, die mit der Rentierzucht zusammenhängen. Auch Rentierzüchter und Hütehunde bei der Arbeit sind dort keine Seltenheit, denn im Nationalpark kommen Zuchtgebiete von drei verschiedenen regionalen Verwaltungseinheiten (paliskunnat) zusammen.
Etwa 36 % der gesamten Fläche Finnlands, d.h. mehr als 123 000 qkm, ist gesetzlich als eine Region deklariert, in der Rentierhaltung betrieben werden darf. Das bedeutet für die Eigentümer, dass ihre Herden überall in diesem Gebiet weiden dürfen unabhängig von den Eigentumsrechten an Grund und Boden.
Rentiere in Ruhe lassen
Als Wanderer im Nationalpark muss man besondere Vorsicht walten lassen, wenn man freilaufenden Rentieren begegnet. Rentiere sind scheu und meiden normalerweise eine Begegnung mit Menschen in freier Wildbahn. Ein sich nähernder Mensch verursacht Stress bei den Tieren, was insbesondere in den kalten Wintermonaten lebensbedrohlich sein kann. Im Herbst während der Brunftzeit sind Rentiere besonders aktiv. Ein männliches Rentier könnte einen sich nähernden Menschen als Konkurrenz betrachten, so dass man lieber genug Abstand halten sollte.
Alle Nationalparks bieten genaue Informationen über besondere Verhaltensregeln auf ihren Internetseiten. Man sollte sich auf jeden Fall vor einem Besuch damit auseinandersetzen.
Erfahrungsbericht
von Alexandra über ihren Besuch im Lemmenjoki Nationalpark in 2020:
Der Lemmenjoki-Nationalpark ist uns von einem Bekannten empfohlen worden und so fahren wir zu einem Campingplatz in der Nähe mit dem schönen Namen Valkeaporo, weißes Ren.
Wir stehen wieder mit Blick auf den See, hier den Menesjärvi, der morgens, da es nun nachts ziemlich kühl wird, im Nebel liegt:
Die erste Wanderung im Lemmenjoki-Nationalpark soll der 16 km lange Joenkielinen Circle Trail sein, der auf den gleichnamigen Fjell führt. Von oben hat man einen fantastischen Blick auf die Umgebung:
Auch kurz unter dem Gipfel ist noch ein kleiner See:
Am nächsten Tag machen wir uns auf den Weg zu dem zweiten beschilderten Wanderpfad, dem 12 km langen Sallivaara Trail, der zu einem alten Rentiersammelplatz führt. Der Weg führt durch Wald und ausgedehnte Moorgebiete. Hier sehen wir ein weißes Rentier und erst später die Geweihe der anderen, die aus dem Gras aufragen:
Am Ziel finden wir das „reindeer round up“, mit Rentierzäunen abgegrenzte Pferche mit einer großen Fläche in der Mitte:
Daneben stehen ein paar Hütten, die zum Teil offen sind:
Eine dient jetzt Wanderern als Übernachtungshütte:
In der größten liegt ein großer Ordner mit Fotos und Erklärungen zu den Häusern und dem Leben, das hier stattgefunden hat, wenn die Sami aus allen Himmelsrichtungen hierherkamen, um ihre Rentiere zu verkaufen und das Treffen zu feiern. In dieser großen Hütte wurde früher getanzt. Die Berichte sind zitiert von Sami, dadurch wird das Beschriebene sehr lebendig, wenn man in dieser Hütte sitzt und es liest.
Auf dem Rückweg begegnen wir wieder Rentieren:
Dann verlaufen wir uns etwas, weil wir einer Treckerspur folgen und nicht genug auf die Kreuze am Wegesrand geachtet haben. Es ist etwas neblig geworden und rundum sieht alles gleich aus. Mit Hilfe der Aufzeichnung des Hinwegs auf dem Handy finden wir zurück, ich hatte zwar den Wanderweg in der richtigen Richtung gesucht, war aber nicht weit genug gegangen, weil wir in Hörweite bleiben wollten. Die Sami haben sich ohne technische Hilfsmittel orientiert, wird uns da bewusst. Als wir zurück am Parkplatz in den VW-Bus steigen, um weiterzufahren, fängt es an zu regnen. Das Schneehuhn auf der Straße hat keine Angst vor Autos, nur fotografieren lässt es sich nicht gern.
Schlamm und Schlaglöcher
Nach ein paar Kilometern hört der asphaltierte Teil der Straße auf, sie führt als Schotterstraße mit ziemlichen Schlaglöchern weiter. Die Sicht ist schlecht, es wird dunkel und die Fahrt etwas abenteuerlich. Wir sind froh, als wieder Häuser auftauchen. Als wir später das Auto und die Fahrräder von außen sehen, ist alles grau – mit Schlamm bespritzt. Das wird erst beim nächsten kräftigen Regen einigermaßen herunter gespült werden. Wir wollen noch weiter Richtung Kittilä. Die Zeit drängt langsam, wir müssen uns, auch wenn es schwerfällt und die Ruskafärbung erst langsam anfängt, auf den Weg Richtung Süden machen.
Text und Fotos Reisebericht: Alexandra Mahler-Wings
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Beitragsfoto oben: Ravadasköngäs, Metsähallitus/Harri Tarvainen






















