Zeit der Zugvögel
Die Zugvögel befinden sich bereits auf ihrem weiten Weg in Richtung Norden. Ab März finden sich auch in Finnland die ersten Zugvögel ein. Der Zeitpunkt hängt natürlich von den Wetterbedingungen und den für den langen Flug notwendigen Südwestwinden ab.
In Finnland gibt es 496 offiziell als Wildvögel klassifizierte Vogelarten. Etwa 80 % davon sind Zugvögel. Die ersten „Masseneinwanderer“ des Jahres sind die Silbermöwen (harmaalokki), die sich bereits im März an Gewässern im ganzen Land ausbreiten. Weitere frühe Rückkehrer sind z.B. Stare (kottarainen), Kiebitze (töyhtöhyyppä), Saatkrähen (mustavaris) und Schneeammern (pulmunen). An ufernahen, eisfreien Stellen an Gewässern kann man Schellenten (telkkä), Gänsesäger (isokoskelo), Blässhühner (nokikana) und Stockenten (sinisorsa) sichten.
Mit der nächsten Umzugswelle im April kommen dann beispielsweise Buchfinken (peippo), Drosseln (rastas), Rotkehlchen (punarinta), Zaunkönige (peukaloinen) und Bachstelzen (västäräkki). Die großen Raubvögel sowie Kraniche (kurki), Gänse (hanhi) und Schwäne (joutsen) finden sich Ende des Monats in großen Scharen ein. Der April kann allerdings manchmal sehr wechselhaft mit längeren Kälteperioden sein. Im Finnischen gibt es dafür den sehr bezeichnenden Ausdruck „takatalvi“, was sinngemäß Spätwinter bedeutet. Für Vögel bedeutet es Schwierigkeiten bei der Futtersuche und Stress. Einige Vogelarten ziehen sich deshalb wieder kurzzeitig zurück in wärmere Gebiete. Dazu gehören z.B. die Drosseln und die Kiebitze.
Jeder kann mitmachen
Zahlenmäßig kommen jedoch die allermeisten Zugvögel im Mai nach Finnland. Deshalb organisiert BirdLife Finland bereits seit vielen Jahren Anfang Mai die Aktion Kampf der Türme (Tornien taisto). Es ist ein Wettbewerb, an dem Mannschaften mit 3-8 Personen auf jedem der etwa 600 Vogelbeobachungstürme in ganz Finnland oder auf anderen Aussichts- und Wassertürmen teilnehmen können. Ziel ist es, innerhalb von acht Stunden möglichst viele Vogelarten zu sichten. Mit der Aktion soll Interesse für das Vogelbeobachten geweckt und mit den Teilnahmegebühren (10 €/Person) Mittel für den Vogelschutz gesammelt werden.
Im vergangenen Jahr wurden insgesamt mehr als 200 Vogelarten identifiziert. Zu den am häufigsten gesichteten Vögeln gehörten die Krähen (varis), Stockenten (sinisorsa), Sturmmöwen (kalalokki), Buchfinken (peippo), Schellenten (telkkä) und Lachmöwen (naurulokki). Raritäten waren dagegen der Seidenreiher (silkkihaikara), Bienenfresser (mehiläissyöjä) sowie der Graubrust-Strandläufer (palsasirri).
Beliebtes Hobby – bongaus
Eine weitere Aktion Anfang Mai feiert in diesem Jahr bereits ihr 20-jähriges Jubiläum. Im Rahmen des Bongaa päivä pihalla (Beobachte einen Tag lang Vögel im Garten) kann jeder Vögel zählen und die Sichtungen dann online bei BirdLife melden. Die Aktion ist das finnische Pendent zur „Stunde der Sommer- bzw. Wintervögel“ des deutschen Naturschutzbundes Nabu. Beide Aktionen finden jeweils Anfang Mai statt.
Das sogenannte ”bongaus” ist ein sehr beliebtes Hobby in Finnland. Dabei bewegt man sich viel im Freien und beobachtet Vögel, sammelt Punkte wie z.B. elämänpinnat oder elikset (Lebenspunkte = Vogelarten, die man vorher noch nie gesehen hat) oder vuodenpinnat bzw. vuodarit (Jahrespunkte=beobachtete Vogelarten innerhalb eines Kalenderjahres). Darüber hinaus gibt es Ökopunkte (man darf sich nur mit eigener Muskelkraft fortbewegen), Monatspunkte, TV-Punkte (im Fernsehprogramm gesichtete Vogelarten), ortsbezogene Punkte, Zugpunkte (aus dem Zug gesichtete Vogelarten) – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Arktische Invasion
Ein eigenes Kapitel im Verlauf der Aktivitäten der Zugvögel im Frühjahr bildet die sogenannte Arktika, der Massenansturm der Gänse sowie Wasser- und Watvogelarten in die nördlichen Brutgebiete der arktischen Tundra. Ende Mai bis Anfang Juni kann man am östlichen Ende des Finnischen Meerbusens zigtausende Vögel am Tag beobachten, die ihre heimischen Nistgebiete im hohen Norden anfliegen. Der kleine Ort Virolahti feiert jedes Jahr um diese Zeit die Arktika-Tage für Vogelliebhaber. Es gibt fachkundige Führungen und Bootsausflüge sowie viele Aktivitäten für jedes Alter.
Die längste Flugroute absolvieren übrigens die Küstenseeschwalben (lapintiira), da sie in der Nordpolarregion brüten und in den Südpolarregionen überwintert. Die längste mit Hilfe eines Exemplars gemessene Route beträgt 96 000 km in einem Jahr.
Alte Naturweisheiten
Die Finnen sind schon seit jeher sehr naturverbunden. Der natürliche Jahresablauf hat das Leben der Menschen geprägt. Sie haben die Natur genau beobachtet und daraus Redewendungen für viele Ereignisse abgeleitet. Ein bekannter alter Spruch sagt den genauen Beginn der Sommerzeit anhand von ersten Sichtungen bestimmter Zugvögel voraus– natürlich mit der für die finnische Sprache typischen Alliteration:
puoli kuuta peipposesta,
pääskysestä ei päivääkään.
Sinngemäß übersetzt:
Von der Feldlerche noch einen Monat bis zum Sommer,
einen halben Monat vom Buchfink,
von der Schwalbe keinen einzigen Tag.
Der Klimawandel hat allerdings auch die Aktivitäten der Zugvögel beeinflusst, so dass der Spruch heute nicht mehr die Realität widerspiegelt.
Quelle: BirdLife Finland
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Beitragsfoto: Mönchsmeise oder Weidenmeise – hömötiainen (Tero Pelkonen)














