Finnische Babys mit “Arbeitsnamen”
oder: In Finnland beginnt ein Leben oft mit einem kleinen Geheimnis.
– Blogbeitrag von Birgit Griese-Saarinen
“Wie, du weisst noch nicht, wie dein Enkel heisst?” wurde ich nach der Geburt des Stammhalters von Sohn und Schwiegertochter oftmals ungläubig von deutscher Seite gefragt.
Während in vielen Ländern schon vor der Geburt sorgfältig über Namen diskutiert, gestritten und schließlich entschieden und das Ergebnis dann möglichst schnell mit der Welt geteilt wird, geht man in Finnland einen anderen Weg. Zumindest hier im Südwesten bleibt der endgültige Name eines Kindes häufig bis zur Taufe verborgen.
Stattdessen bekommt das Baby zunächst einen sogenannten „työnimi“– einen “Arbeitsnamen”. Diesen verwendete ich gerne bis zum Tag der Taufe – in diesem Fall zwei Monate lang.
Das klingt pragmatisch, fast ein bisschen nüchtern. Und genau das ist es auch: ein Name für den Alltag, für die ersten Wochen oder Monate, in denen das Kind längst da ist, aber sein „richtiger“Name noch nicht offiziell verkündet wird. Dieser työnimi kann liebevoll, praktisch oder einfach spontan gewählt sein – manchmal bleibt er sogar innerhalb der Familie ein kleiner Insider.
Die eigentliche Namensvergabe wird dann zu einem ganz besonderen Moment. Bei der Taufe (oder einer entsprechenden Namensfeier) wird der Name nicht nur formal bestätigt, sondern bewusst enthüllt. Es ist wie ein symbolischer Akt: Jetzt ist dieser Mensch wirklich angekommen – mit seinem Namen in der Welt.
Und vielleicht steckt darin auch eine typisch finnische Haltung: Dinge (und Babys) dürfen sich entwickeln und man nimmt sich mehr Zeit zu überlegen, welcher Name am besten zu diesem kleinen Individuum passt.. Nicht alles muss sofort festgelegt werden. Manches wird einfach erst dann ausgesprochen, wenn es sich wirklich richtig anfühlt.
Der Name als Schutzschild – und warum man ihn schon früher lieber für sich behielt
Der työnimi erfüllt nicht nur den Zweck, den Alltag zu erleichtern, sondern spielte früher auch eine entscheidende Rolle in Krisensituationen. Denn in Zeiten, in denen die Säuglingssterblichkeit hoch war, kam es immer wieder vor, dass ein Kind dringend notgetauft werden musste – etwa bei Krankheit oder anderen lebensbedrohlichen Situationen. War der endgültige Name noch nicht gewählt, konnte der Arbeitsname als vorläufiger Name dienen. So war das Kind im Rahmen der Kirche wenigstens offiziell benannt und erhielt den nötigen Schutz vor spirituellen Gefahren.
Tatsächlich ging man in alten Erzählungen und im Volksglauben häufig davon aus, dass böse Kräfte – seien es Geister, Trolle oder sogar der Teufel – ein Kind leichter finden oder „holen“ könnten, wenn sie seinen Namen kennen würden. Ein namenloses oder nur mit einem työnimi bezeichnetes Kind blieb dagegen gewissermaßen auβer Gefahr.
Heute wirkt dieser Gedanke vielleicht fremd oder sogar ein wenig unheimlich. Und doch erzählt er viel darüber, wie ernst Namen früher genommen wurden. Sie waren etwas Kraftvolles, das man nicht leichtfertig preisgab.
Die Praxis zeigt also: der työnimi war mehr als ein pragmatischer Platzhalter. Er war ein Sicherheitsnetz – ein Name, der das Kind in Notsituationen schützen konnte, bis die Taufe mit dem endgültigen Namen vollzogen wurde.
Heute ist das Risiko gesundheitlich gesehen natürlich sehr viel geringer. Finnland hat eine der niedrigsten Säuglingssterblichkeitsraten der Welt. Dies ist das Ergebnis eines hochentwickelten Gesundheitssystems, einer umfassenden pränatalen Betreuung und eines recht hohen Lebensstandards.
Aber ungeachtet dieser Tatsache lebt der Brauch weiter – als kleine Erinnerung an die Zeit, in der Namen nicht nur Identität, sondern auch Schutz bedeuteten.
Text und Titelfoto: Birgit Griese-Saarinen
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