POTPURI – Interkulturelle Impressionen aus Turku: “Coolcation” im hohen Norden
Oder:
Warum der Sommer nicht heiβ sein muss, um glücklich zu machen.
– Blogbeitrag von Birgit Griese-Saarinen
Mittlerweile prägen die alljährlichen Hitzewellen in Mitteleuropa auch die Schlagzeilen in den finnischen Medien. Immer öfter ist von “Coolcation” die Rede, einem Tourismustrend, der die “Flucht” Reisewilliger aus der Hitze mitteleuropäischer Länder ins kühle Finnland beschreibt.
So auch kürzlich in der Helsinkier Tageszeitung “Helsingin Sanomat”. Die Überschrift des am 23. Juni in Oulu, der finnischen Kulturhaupstadt 2026 verfassten Artikels lautet “Saksan pätsistä viileään Suomeen tullut pariskunta ihmettelee suomalaisia tapoja.” (Übersetzung: “Ein aus der deutschen Hitze in das kühle Finnland gereiste Ehepaar wundert sich über finnische Gebräuche” ) und gibt Interviews mit deutschsprachigen Touristen wieder, in deren Heimatländern sich die Thermometer zurzeit auf 40 Grad zubewegen. Welche in der Überschrift zitierten finnischen Gewohnheiten kritisiert werden, soll in diesem Rahmen auβer Acht gelassen werden.
Hier soll´s ums Klima gehen, denn die gemäβigten finnischen Sommertemperaturen werden auf dem Tourismussektor zunehmend als Werbestrategie genutzt: Warum nicht in den hohen Norden reisen, um der Hitze zu entfliehen?
Tatsächlich wird Urlaub ja weiterhin von vielen Reisebegeisterten mit Palmen, Strand und Temperaturen über 30 Grad verbunden. Der Sommertraum besteht oft aus Schwitzen unter der Sonne, kalten Getränken und der Suche nach dem nächsten Schattenplatz.
Dabei sind Ferien an kühlen Orten, bei angenehmen Temperaturen, mit viel Natur, Ruhe und Raum zum Durchatmen – wie von den obengenannten Interviewten vielfach bestätigt – doch eine ernstzunehmende Alternative!
Andere Länder, andere Hitze
Hier im hohen Norden wird das Wort “Hitze” übrigens anders definiert:
In Suomi reichen schon 25 Grad aus, um von “Hitze” zu sprechen – ein ziemlicher Kontrast zu den deutschsprachigen Ländern, in denen das Thermometer zwecks Verwendung dieses Terms mindestens 30 Grad anzeigen muss. Das Beste an der milderen finnischen Version ist, dass man nicht morgens um 10 Uhr bereits den Kampf gegen die Sonne aufnehmen und besondere Schutzmaβnahmen gegen Hitze ergreifen muss.
Im Gegenteil: Hier kann man gemütlich am See sitzen, spazieren gehen oder eine Fahrradtour machen – ohne das Gefühl, in einer übergroβen Sauna unterwegs zu sein. Wobei die echte finnische Sauna natürlich auch an Sommertagen nicht fehlen darf! Demnach überrascht der finnische Sommer viele ausländische Besucher in mancher Hinsicht: Die reine Natur und Sauberkeit des Landes werden lobend hervorgehoben. Oft bleibt das Glitzern der Seen genauso in positiver Erinnerung wie der Duft der Wälder nach Kiefern und Moos.
“Coolcation” ist also nicht nur eine Frage der Temperatur – es geht auch um ein anderes Lebensgefühl. Um Ruhe und inneren Abstand. Das Heizen der Holzofensauna und das Pflücken von Beeren und Pilzen im Wald wird da oft als meditativ empfunden. Eine Hütte am See. Ein Kaffee auf der Terrasse. Die Lektüre eines Buches im Schatten der Bäume.
Regentage mit Lesevergnügen
Ein finnischer Freund von mir sagte einmal, dass Regentage im Sommer sehr willkommen seien, da man dann in aller Ruhe lesen könne und nicht ständig das Gefühl hätte, jeden Sonnenmoment ausnutzen zu müssen. Ich stimme ihm zu. Wenn der Regen aufs Dach prasselt, hat man nicht das Gefühl, etwas Wichtiges (sprich: Sonne) zu verpassen und kann sich ohne schlechtes Gewissen der Lektüre zuwenden.
Mindfulness auf finnische Art
Man kann hier im Sommer auf Wunsch viel unternehmen und erleben – aber auch bewusst seine Wahrnehmung schärfen:
Die Wolken beobachten. Den See plätschern und die Vögel singen hören. Den eigenen Gedanken wieder begegnen. Was für die einen langweilig klingen mag, ist für andere pure Erholung. Ein Ort, an dem man wieder zur Ruhe kommt. Die Seele darf baumeln.
Vielleicht ist die im Artikel zitierte “Coolcation” ja langfristig doch viel mehr als ein klimatechnisch bedingter Trend. Vielleicht erinnert uns Finnland ja daran, dass ein perfekter Sommer nicht unbedingt heiβ sein muss. Und vielleicht ist Finnland ja auch nicht nur ein Reiseziel – sondern eine kleine Antwort auf eine immer wärmere und hektischere Welt.
In diesem Sinne – keep cool and come to Finland!
Einen erholsamen Sommer wünsche ich!
Birgit
Text und Titelfoto: Birgit Griese-Saarinen













