Finnlands Schatz ist die Natur

Eine Begegnung mit dem Auerhahn (Tetrao urogallus) auf dem Luoston vaelluspolku.

Finnland ist bekannt für seine großartige, oft unberührte Natur. Es gibt nur wenige Orte auf der Welt, die vergleichbar mit den finnischen Wald- und Seenlandschaften sind. Forscher schätzen, dass es in der finnischen Natur mehr als 45 000 verschiedene Tier- und Pflanzenarten gibt. Der größte Anteil davon, ca. 25 000, sind Insekten und etwa 5000 Pflanzen.

Wenn man eine Wanderung in einer abgeschiedenen Gegend Finnlands macht, muss man auf überraschende Begegnungen gefasst sein. Über eine solche berichtet Beate und hat sie mit wunderschönen Fotos dokumentiert:

 

Für ältere Semester, wie meinen Mann und mich, ist ein mit 18 km angegebener Naturwanderweg im Nationalpark Pyhä-Luosto schon eine echte Herausforderung.

An jenem Septembertag war es dann soweit. Vorsorglich hatte ich zwei Tage zuvor das Informationszentrum Naava aufgesucht und dabei erfahren, dass der komfortable Abstieg vom Ukko-Luosto über die Treppen wegen deren Erneuerung nicht möglich sei – der ungesicherte Abstieg sei nicht empfehlenswert. Wir sollten kurz vor dem Gipfel den blau markierten Schneeschuh-Pfad nehmen.

Durch Urwälder und Moorgebiete

Schon der erste Aufstieg führte uns in wunderschöne „Alt-Wälder“. Nach Überwindung des höchsten Punktes ging es zwischen herrlichen alten Kiefern bergab, ehe es in einen dichteren, beinahe wie ein Urwald anmutenden Wald ging, der ebenfalls zu den Alt-Wäldern gehörte. Geräusche wie heftiges Flügelschlagen oder wütender Vogelprotest begleiteten uns – zu sehen war jedoch niemals ein gefiederter Freund. Wir wähnten uns allein, als drei Personen in ca. 500 m Entfernung allmählich den Abstand zu uns verringerten. In den sogenannten „Aapa-Mooren“ kamen wir vorsichtig auf schon ziemlich verrotteten Bohlen nur mäßig voran. An der schön gelegenen Feuerstelle holten uns die drei Wanderer ein. Wie immer, ist ein Plausch beim Feuer eine gute Gelegenheit, mit finnischen Naturfreunden ins Gespräch zu kommen.

Der weitere Weg durch das Moor bescherte uns drei Singschwäne, die sich unbeeindruckt unserer Anwesenheit in ca. 50 m Entfernung auf einem kleinen Tümpel aufhielten. Ein Schwan kam sogar näher und breitete imponierend seine großen Flügel aus, ehe er sich wieder zu den anderen beiden gesellte. Wir waren beglückt. Auch zwei „kuukkeli“ (Unglückshäher) begleiteten uns eine Weile, wollten aber von unseren mitgebrachten Nüssen gar nichts haben.

Außergewöhnliche Begegnung

Eine letzte Rast mit restlichem Tee, ein paar Haferkeksen und einem Apfel ließen uns die Sonne auf einem alten Baumstamm noch einmal genießen, ehe es wieder in den Wald ging mit alten Fichten und Kiefern sowie beeindruckende „Kelos“. Schon ein wenig erschöpft arbeiteten wir uns die Flanke des Berges hoch – und waren echt erleichtert, als die blaue Markierung mit dem Ski-Symbol uns den Abzweig wies.

Immer wieder hörten wir das Auffliegen großer Vögel. Doch plötzlich flog direkt hinter mir etwas Schwarzes mit lautem Flügelschlag nieder: ein Auerhahn (metsokukko)! Ich traute meinen Augen nicht und rief leise nach meinem Mann, der ca. 5 m vor mir gewandert war. Beide bleiben wir zunächst einmal wie angewurzelt stehen, um den prächtigen Hahn nicht zu verscheuchen. Er bot einen außergewöhnlichen Anblick: den Schwanz zum Halbkreis aufgestellt und mit abgespreizten Flügeln stolzierte er uns entgegen, unentwegt seine Klock-Klock-Klock-Rufe ausstoßend.

Jeder von uns versuchte, mit langsamen Bewegungen die Fotokamera aus dem Rucksack zu holen. Der Hahn kam Schritt für Schritt näher, bis er nur noch ca. drei Meter von mir entfernt auf dem Weg auf und ab stolzierte mit geöffnetem Schnabel als wäre Balzzeit. War es mein knallroter Rucksack, der ihn so faszinierte? Mal ging er einige Schritte in die Blaubeersträucher, dann kam er wieder hervor: den Hals regelrecht aufgebläht, das Gefieder abgespreizt. Mal zeigte er uns seinen metallisch blaugrün schillernden Brustschild, mal seine Seitenansicht mit den braunen Flügeln und dem weißen Fleck. Wir konnten erkennen, wie fein die Rumpf- und Halsfedern jeweils gemustert waren. Bisweilen schien er angriffslustig beinahe über den Boden zu robben, wobei sämtliche Federn ganz besonders abgespreizt waren. Ungefähr eine halbe Stunde lang gewährte er uns dieses Schauspiel, ehe er nach mehreren Umkehrversuchen wieder im dichteren Wald verschwand.

Wir waren von dieser Begegnung so beglückt, dass wir die restliche Wegstrecke, die immerhin noch eine Stunde dauerte, wie auf Wolken zu Tal gingen.  Aus der zunächst entstandenen Enttäuschung über die gesperrte Abstiegsroute vom Ukko-Luosto war also eine einzigartige Tierbegegnung erwachsen. Wir wussten unser Glück zu schätzen.

 

Text und Fotos: Beate Erwien-Schrotmann