POTPURI – Interkulturelle Impressionen aus Turku

Small talk oder Smart talk II – Icebreaker oder eher Icemaker?  Oder: Von unerwiderten Ballwürfen und schmerzenden Kaffeezähnen –

Blogbeitrag von Birgit Griese-Saarinen

Der letzten Blogbeitrag beschäftigte sich mit der kulturvergleichenden Funktion von Small talk. Das “kleine Geplauder” fungiert üblicherweise als Türöffner – trendiger ausgedrückt als Icebreaker für ein weiterführendes Gespräch. Es soll eine angenehme Atmosphäre schaffen. Dafür ist es natürlich wichtig, positiv besetzte Themen zu wählen.

Etwas gemeinsam zu haben oder gleichzeitig zu tun und diese verbindende Komponente auf Small talk – Niveau explizit zu machen, kann durch meine deutsche Kulturbrille gesehen als etwas durchaus Positives gewertet werden. Beispiel: “Auch auf dem Weg in die Kaffeepause?” Im Finnischen lässt sich dies übrigens viel witziger ausdrücken durch den Spruch: “Kahvihammasta kolottaa – der Kaffeezahn schmerzt”. Ich gebe zu, dass solche Aussagen nicht unbedingt durch Originalität  gekrönt sind, jedoch zählt hier die gute verbindende Absicht hinter der Aussage und somit wird dieser Small talk-Ball in der Regel gutmütig aufgefangen und zurückgeworfen.

Schon mehrmals ist mir jedoch in Finnland aufgefallen, dass auf solche vermeintlich verbindenden Aussagen oft peinliches Schweigen folgt und man somit mit der Nase darauf gestoβen wird, dass die Bemerkung selbst für das leichte Genre Small Talk indiskutabel ist. Anders gesagt: Der Ball wird nicht zurückgeworfen und man fühlt sich mit seinem Anknüpfungsbemühen je nach Jahreszeit im Regen oder Schnee stehen gelassen. Was könnte dahinterstecken?

Hier könnte die in Interkulturalistenkreisen gern zitierte Low Context und High Context Culture– Theorie greifen, die stark verallgemeinernd und verkürzend wie folgt beschrieben werden kann:

Die deutsche Kommunikation ist eine Low Context Culture und zielt darauf ab, umfassend und breit angelegt zu informieren. Missverständnisse und – deutungen sollen vermieden werden. Der Grad der Explizität ist in der Regel um einige Grad höher als in der finnischen Kommunikation.

Offensichtliches braucht keine Kommentare

Finnische Kommunikationsmuster sind oft recht implizit, weisen also viele Elemente der High Context Culture auf. Hierbei geht man davon aus, dass Situationen oftmals für sich selbst sprechen. Demzufolge wird Offensichtliches bzw. vermeintlich Selbstverständliches viel weniger artikuliert. Ich spreche in dem Zusammenhang gern von einer minimalistischeren Kommunikationsart.

Diese Theorie ist übrigens gut dazu geeignet, weitere Unterschiede in den nationalen Kommunikationsmustern zu beleuchten und kann erfahrungsgemäβ auf beiden Seiten zu augenöffnenden Aha-Momenten führen.

Aber zurück zu unserem Kaffeepausen-Beispiel: Da ja offensichtlich ist, dass beide Gesprächspartner das gleiche Ansinnen – die Versorgung mit Kaffee – haben, widerspricht es dem finnischen Naturell scheinbar, dies explizit zu machen. Es gibt nichts zu sagen, “ei ole asiaa” – diese Erklärung kennen wir ja bereits von der Buttermilch-Packung im letzten Blogbeitrag. Mir scheint, dass die Behauptung “Wir Finnen beherrschen das Small Talk-Genre nicht” solchen Kontexten zuzuschreiben ist. Nachvollziehbar, dass man sich zwecks kommunikativem Ballwurf nicht kulturell verbiegen möchte.

In Finnland feiert man gerne „pikkujoulu“, Foto: Visit Finland

Denn geht es z.B. um Themen wie Sport und Freizeittätigkeiten, so wird man in Finnland durchaus auf offene Small Talk- Ohren und -Münder treffen. Und ja, auch über´s klassische Small Talk-Thema Wetter wird sich durchaus ausgetauscht, vielleicht aber weniger im offensichtlich-beobachtenden Stil à la “Kalt heute” als z.B. durch Bemerkungen, die einen Mehrwert beinhalten?

Wie in jedem meiner Blogbeiträge handelt es sich auch hier um in meinem Alltag und in meinen interkulturellen Trainings beobachtete Tendenzen ohne Anspruch auf Richtig- und Vollständigkeit, die als Denkanstöβe interkultureller Ausrichtung gedacht sind und gerne kommentiert werden dürfen.

Ich wünsche eine entspannende (Vor-) Weihnachtszeit, hier in Finnland stimmt man sich durch “Klein Weihnachten”-Feiern (pikkujoulu) ja schon länger auf (Groβ-?) Weihnachten ein.

Frohes Fest – Hyvää Joulua!

Birgit

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Text und Fotos (sofern nicht anders angegeben): ©Birgit Griese-Saarinen, Fideco