Wunschtraum Hamburg

Seit Anfang des Jahres ist Katri Oldendorff Pastorin der finnischen kirchlichen Arbeit in Norddeutschland. Sie betreut die finnischen Gemeinden in Hamburg, Lübeck, Kiel und Bremen. Hier erzählt Katri von den vielseitigen Aufgaben und den Herausforderungen ihres Berufes und dem Leben in und zwischen zwei Kulturen und Ländern:

Du bist in Hamburg aufgewachsen und zur Schule gegangen. Wie fühlt es sich an, in die „alte Heimat“ als Pastorin wiederzukehren?

Gut! Es war eigentlich keine länger geplante Rückkehr, aber doch ein kleiner Wunschtraum: noch einmal dort zu leben und zu arbeiten, wo ich aufgewachsen bin, und diese Erfahrung mit meiner Familie zu teilen.

Hat sich Hamburg bzw. Deutschland in den Jahren deiner Abwesenheit verändert?

Sicher! Aber ich kann die Veränderungen nicht so richtig benennen. Ich war zwar 22 Jahre weg, aber wir haben vor allem Hamburg regelmäßig besucht, bis zu viermal im Jahr. Arbeitstechnisch stand ich auch die ganze Zeit in regem Kontakt mit Deutschland.

Hamburg hat sich u.a. visuell sehr verändert, vor allem an der Elbe mit der Hafencity oder Altona mit einem langsam entstehenden neuen Stadtteil.

Viel hat sich auch im Bereich Gleichberechtigung getan. Es gilt noch immer, große Schritte zu machen, doch sind Frauen z.B. viel häufiger berufstätig, auch in Vollzeit, als noch vor über 20 Jahren. Auch die Bereitschaft, Kinder in die Obhut einer Kita zu geben, ist eine ganz andere als noch in den 1990er Jahren.

Ich bin auch sehr froh darüber, dass es mir als Pastorin der Nordkirche gestattet ist, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen!

Ich finde, dass Norddeutschland mit seinen Hafenstädten schon immer sehr weltoffen, liberal, bunt und lebendig war; heute vielleicht noch einen Tick bunter und internationaler. Aber gleichzeitig macht sich die Kehrseite sichtbar. Erschreckt hat mich die große Zahl der Obdachlosen, vor allem in Hamburg, aber auch in Bremen und anderen Städten im Norden.

Das Thema Mietpreise hat mir, als neu in die Stadt und ins Land ziehende, sehr zugesetzt. Außerdem ist der öffentliche Diskurs teilweise sehr scharfzüngig, abwertend, aggressiv, fremdenfeindlich und schwarz-weiß geworden. Doch andererseits erfreut mich die aktive und langsam lauter werdende Bewegung und Fürsprache für eine bessere, gleichberechtigtere, friedlichere, alle Menschen würdigende und ökologisch zumutbare Zukunft, die sich unter Jung und Alt breit macht.

Was sind die größten Herausforderungen in deinem Beruf als Pastorin für die finnische Gemeinschaft in Norddeutschland?

Die Seemannskirche ist ein Treffpunkt für die finnische Gemeinschaft in und um Hamburg.

Die große geographische Distanz! Mein Arbeitsgebiet reicht von Teilen Niedersachsens über Bremen und Hamburg bis hoch an die dänische Grenze. Regelmäßig bin ich in Bremen, Hamburg, Lübeck und Kiel vor Ort. Gerne würde ich für alle Mitglieder der Gemeinden und der Gemeinschaft gleichberechtigt da sein, aber der Alltag sieht anders aus. Dass ich teilweise nur über Telefon, Email oder andere Medien erreichbar bin, ist für mich nicht immer leicht. Das bedeutet auch, dass ich den Menschen nur langsam bekannt und vertraut werde. Ich wäre gerne mehr präsent, vor allem in den Gemeinden und den Gemeinschaften außerhalb Hamburgs.

Eine weitere Herausforderung ist die Zukunft unserer Gemeinschaften und kirchlichen Arbeit. Es gilt herauszufinden, was sich die Mitglieder der Gemeinden und Gemeinschaft von ihrer Pastorin, den Gemeinden und der kirchlichen Arbeit wünschen. Zu was für Veranstaltungen sie gerne zusammenkämen? Was Glaube, Kirche, Gott, Spiritualität für sie bedeutet? Und wie wir diese gemeinsam leben und erfahren könnten?

Welche „Amtshandlungen“ magst du am liebsten?

Ui, das ist eine schwere Wahl! Ich mach so vieles so gerne. Ich freue mich auf jeden Gottesdienst, auf jede Andacht, taufe und traue für mein Leben gern. Trauerfeiern und Seelsorge liegen mir sehr am Herzen. Dies kann für manche befremdlich klingen, denn sich mit Trauer, Schmerz, Verlust, Hoffnungslosigkeit, Lebenskrisen oder Verzweiflung zu befassen, ist keine leichte Aufgabe. Dass niemand mit diesen Gefühlen alleine bleiben muss, sondern dass ich sie/ihn in diesem Prozess begleiten darf, macht mir demütig und dankbar. Aber auch mit einer Kindergruppe spielerisch an den Glauben herangehen, Konficamps mit Jugendlichen, bei Gesprächsabend über Gott und die Welt reden, ein theologisches oder kulturelles Seminar vorbereiten, gemeinsame Events planen und durchführen, neue Menschen kennenlernen, netzwerken, im Café sitzen und für einen Moment für den anderen da sein – das alles macht mir wahnsinnig Spaß! Ich könnte diese Liste endlos weiterführen …

Gibt es Unterschiede im Gemeindeleben in Finnland und in Deutschland?

Im Kern sicher nicht. In beiden Ländern strukturiert sich das Gemeindeleben um Gottesdienste, Taufen, Konfirmationen, Trauungen, Beerdigungen, Gruppenarbeit von Bibelkreis, Kinderchor bis hin zu Handarbeits-, Meditations- oder sogar Sportgruppen. In beiden Ländern kämpft man mit dem Phänomen, dass nur ein kleiner Teil der Gemeinde erreicht wird und man nicht so genau herausgefunden hat, was die Masse der Mitglieder ansprechen könnte.

Finnische Gemeinden können momentan noch auf einen größeren Mitarbeiterpool zurückgreifen, es gibt eindeutig mehr PastorInnen, OrganistInnen, DiakonInnen usw. als in einer deutschen Gemeinde. In Deutschland baut man daher schon stärker als in Finnland auf das Ehrenamt. Ehrenamtliche tragen mehr Verantwortung und haben meines Erachtens mehr aktives Mitspracherecht als in Finnland.

Du bist in Deutschland konfirmiert worden, gibt es Unterschiede zwischen den Unterrichtsformen in Finnland und Deutschland oder in der Einstellung der Jugendlichen zum Konfiunterricht?

Auf den finnischen Konfilagern wird nicht nur gebüffelt, Spiel und Geselligkeit sind ebenso wichtig. Foto: EVL/Sanna Krook

Es ist ja nun schon eine Weile her, dass ich konfirmiert wurde. Und ich bin erst seit Januar wieder zurück und habe mich mit dem aktuellen deutschen Konfiunterricht bisher nur oberflächlich befasst. Ich hatte damals einen zweijährigen Unterricht mit einem Treffen pro Woche und regelmäßigen Gottesdienstbesuchen. Die finnische Form basiert auf dem Konficamp. Man trifft sich einige Male vorher, aber der eigentliche Unterricht passiert auf einem Camp, das normalerweise 7 Tage dauert. Es gibt seit den 1980er Jahren auch deutsch-finnische Camps (SaSu), die von uns finnischen PastorInnen in Deutschland und finnischen Partnergemeinden organisiert werden. Da gibt es immer im Februar ein Vortreffwochenende, dann eigenständige kleine Aufgaben und Gottesdienstbesuche sowie im Sommer das zehntägige Camp.

Im deutschen Konfiunterricht, egal ob er ein oder zwei Jahre dauert, ist das Lernen der Materie, des christlichen Glaubens, eindeutiger Mittelpunkt. Bei finnischen Konficamps kommen auch noch viel Freizeit, Schwimmen, Saunen, unterhaltsames Abendprogramm dazu. Diesen Sommer haben auf meinem SaSu-Camp einige deutschfinnische Jugendliche gerade dies angemerkt: „Warum machen wir so viel, was mit dem Eigentlichen gar nichts zu tun hat? So war das im deutschen Konfiunterricht nicht!“ Aber das ist das Schöne an den finnischen Camps – Glaube, christliche Gemeinschaft, füreinander da sein auch in der Freizeit und den gemeinsamen Spaß zu erleben.

Dein Lebenslauf ist sehr vielseitig, was hat dich letztendlich zu einem Theologiestudium bewogen?

Mit einem Wort ist es wohl Berufung; der Mut letztendlich meinem Herzen zu folgen. Ich habe meine Arbeit und meine Jobs vorher auch sehr genossen! Ich kann mich sehr glücklich schätzen, dass ich schon immer das arbeiten und machen durfte, was mir wichtig war! Aber die Gemeindearbeit (die deutsche in Finnland, wie die finnische in Deutschland) sowie die Arbeit der Finnischen Seemannsmission in den Häfen und mit den Finnen im Ausland lag mir schon immer, von Kind an, sehr am Herzen. An dieser Aufgabe als Mitarbeiterin und Pastorin beteiligt sein zu dürfen, Verantwortung zu übernehmen, das macht mich glücklich! Ich bin meiner Familie sehr dankbar, dass sie mir vor acht Jahren grünes Licht gab, und ich mit dem Theologiestudium in Helsinki beginnen konnte.

Du bist in zwei Ländern und Kulturen aufgewachsen, welche Bedeutung hat für dich der Begriff „Heimat“?

Heimat bedeutet für mich Verbundenheit, Aufgehobensein, Seelenruhe – irgendwo zu Hause und angekommen zu sein! Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich mehrere Orte habe, wo es mir so geht. Für mich sind Norddeutschland und Südwestfinnland mit ihren Menschen, ihrer Natur, ihren Traditionen, Kulturen und Eigenschaften Heimat. Ich bin 100% Finnin und 100% Deutsche und gleichzeitig irgendwo dazwischen – und fühle mich mit diesem Heimatgefühl sehr wohl!

Weitere Informationen:

Finnische Gemeinden in Deutschland

Die finnischen Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland

Angebote für die Jugend

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